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Stauts: Beschäftigt

Hallo ihr Lieben,

 

es fühlt sich an wie eine Ewigkeit und sind doch nur 1 ½ Monate seit meinem letzten Eintrag. Wenn man die Grenze zum Vierteljahrhundert einmal überschritten hat, verliert Zeit einfach jegliche Bedeutung.

Ich schreibe euch heute aus der Mitte Britanniens und dem Norden Englands. Mittlerweile befinde ich mich auf halber Strecke zwischen York und Newcastle am mächtigen Fluss Tees (Notiz für Stadt/Land/Fluss) in einem kleinen historischen Städtchen, das sogar eine eigene Burg aufweisen kann und aussieht wie das Set für einen Barnaby Krimi. Hier werde ich jetzt die nächsten fünf Monate mietfrei bei meinen Chefs wohnen und dafür noch ein bisschen weiter schuften. Bis Januar noch Vollzeit, dann muss ich mich meiner Masterarbeit widmen und werde auf Halbzeit runter schalten.

Gestern bin ich nun also dem wilden, lauten, stinkigen, kulturellen, warmen, wunderschönen, historischen, aufregenden, abwechslungsreichen London entflohen und mit dem Zug gen Norden gefahren. Vom Bahnhof ging es dann noch 45 Minuten auf dem Schleudersitz des familieneigenen Landrovers nach Hause. Hier oben friert es nachts bereits, die Stadt ist auf einem Hügel gebaut und besitzt alles, was man braucht ungefähr ein bis zweimal (sogar einen Computerladen, aber dazu später mehr) – nach dem Überangebot von London regelrecht wenig… ich weiß nicht ob ich damit klarkomme. Wir wohnen ziemlich weit oben auf besagtem Hügel und in zwei Richtungen hat man von dort aus freie Sicht auf weitläufige Natur. Heute morgen wurde ich sogar von Vögeln geweckt. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob ich mit dem ruhigen Landleben noch klarkomme. Aber ich habe gute Hoffnungen, denn die Umgebung ist atemberaubend (habe ich schon erwähnt, dass eine Burg in der Nähe ist?) Wenn es nicht bereits eine halbe Stunde nach Arbeitsschluss stockdunkel wäre…

Meine letzten Wochen in London habe ich in vollen Zügen ausgenutzt. Ich hatte Deutschland Besuche, war in Musicals, habe neue Leute kennengelernt (die jetzt leider fast 4 Stunden von mir entfernt leben), war in Museen, habe meine Stadterfoschungsgewaltmärsche weiter fortgesetzt, etc. Letztes Wochenende war ich sogar noch schnell für einen Tag in Cambridge.

Jetzt wohne ich in einem 400 Jahre alten Haus – dem zweitältesten noch existierenden Haus der Stadt – mit unzähligen unnötigen Stufen, niedrigen Türrahmen, angebauten Zimmern, strategisch ungünstigem Holzboden in Badezimmern und Küche, drei Kaminen und Butzenfenstern durch die der Wind pfeift. Achja, und Lichtschalter, die von der Decke hängen und an denen man ziehen muss. Es ist ein absolutes Traumhaus und all meine gestrigen Versuche einen Grundriss zu zeichnen sind im Sand verlaufen. Ich könnte schwören, dass sich da noch das eine oder andere geheime Zimmer hinter einer Wand verbirgt.

Ohne Witze! Ich schwöre, während ich das gerade geschrieben habe, habe ich den Kopf nach links gedreht und eine Tür entdeckt, die mir bisher noch nicht aufgefallen ist.

Lange kann ich mein Märchenleben jedoch noch nicht auskosten, denn morgen geht es wieder in den Süden nach Oldbury-on-Severn für eine spätherbstliche Wochenendausgrabung eines römischen Hügelforts, sowie einer mittelalterlichen Stadt. Es bleibt spannend, das Abenteuer lässt nicht nach.

Das Büro ist hier oben ist übrigens praktischerweise nur fünf Minuten von zuhause entfernt. Zu Fuß. Momentan sind es noch zwei Stockwerke voller Chaos, aber das wird sich dank deutscher Gründlichkeit in den nächsten paar Wochen ändern. Mit etwas Glück „darf“ ich sogar streichen. Besonders erwähnenswert sind die Badewanne in der Toilette, und mein neuer Kollege gegen Einsamkeit – eine lebensechte Indiana Jones Figur.

 

Nun zum Abschluss noch mein neustes Missgeschick. Dienstag Morgen habe ich zum ersten Mal seit langem meine grüne Flasche gegen ein Glas eingetauscht und dieses prompt umgestoßen. Wasser lief über die Laptoptastatur und das Gerät verabschiedete sich mit hustendem Gedröhne und flimmerndem Bildschirm. Die nächste Stunde verbrachte ich damit den Laptop trocken zu legen, zwei Kilo Reis zu kaufen und ersteren in letzterem zu versenken. Nach 48 Stunden Trockenzeit kam die Stunde der Wahrheit und entgegen all meiner Befürchtungen ließ er sich einschalten. Soweit ist auch alles in Ordnung, bis auf die Tatsache, dass sich nacheinander immer  mehr Tasten verabschiedeten. Nachdem ich nach einer längeren Pause nicht mal mehr mein Passwort wieder eingeben konnte, ging ich inklusive Laptop ein paar Häuser weiter zum Computerladen und bat um eine Tastatur für 5 Minuten, damit ich wenigstens mein Passwort eingeben und ändern könne. 15 Minuten später war ich wieder zuhause mit einer alten neuen Tastatur, die er mir für 5 Pfund quasi geschenkt hat weil ich so verzweifelt ausgesehen hatte. Sie sind doch nett, diese Briten!

 
3.11.16 19:15


Ein Lebenszeichen

Hallo
Ich nutze ein paar Minuten Ruhe vor dem unausweichlichen Sturm um ein kurzes Lebenszeichen zu senden. Die letzten Wochen waren absolut (positiv) überfordernd – voller neuer Erlebnisse und Bekanntschaften. Das erste Wochenende war 350 Jahre großes Feuer von London und die ganze Stadt war im Aufruhr und überall gab es irgendwelche Aktionen und Veranstaltungen. Ich war völlig überfordert. Vor der Tate Modern war ein riesiger Feuergarten aufgebaut und Samstag waren Dominosteine durch die Straßen hindurch aufgebaut. Sie sollten den Weg des Feuers von damals nachstellen und wurden irgendwann dann auch umgestoßen. Um ehrlich zu sein, die Leute um mich herum waren ein bisschen zu enthusiastisch und begeistert über ein paar umfallende Steine, aber jedem das Seine. Sonntagabend wurde dann schließlich inmitten der Themse ein 120m langes hölzernes Model der Londoner Skyline von 1666 verbrannt und ich hatte einen guten Platz auf einer der Brücken ergattert. Das war schon etwas beeindruckender als die Dominosteine. Wir waren ein gutes Stück weg, aber wir spürten die Hitze und der Nachthimmel war erhellt von riesigen Funken, die in unsere Richtung flogen. Mehr als einer der Umstehenden unkte, dass unweigerlich gleich das nächste große Feuer von London beginnen würde… Dieses Wochenende machte ich mich auf nach Greenwich und erkundete somit zum ersten Mal die südliche Seite der Themse, wobei ich auch den Fußgängertunnel unter dem Fluss ausprobierte, der mir alles andere als geheuer war. Als ich mir die Painted Pall im Old Royal Naval College ansehen wollte (UNESCO Weltkulturerbe…jajaja!) stand ich plötzlich vor einer Absperrung, da dort gerade der Film „Victoria & Abdul“ gedreht wird. Als wir eine der Angestellten des Gebäudes nach dessen Alter fragten, war sie so enthusiastisch, dass sie uns mit hinter die Absperrung, mitten ins Set hinein nahm und uns eine persönliche Führung inklusive Erklärungen und Interpretationen zu den Malereien gab. Was ein Glück… Und all die Leute, die nach uns kamen und nicht weiter als die Absperrung kamen fotografierten wild in unsere Richtung :D

Seit Sonntagnachmittag sind wir jetzt in Suffolk und graben dort direkt am Meer bei Leiston nach den Überresten einer ursprünglichen Abteil die im Spätmittelalter von den Mönchen Stein für Stein fünf Meilen weiter ins Landesinnere versetzt wurde, da der ursprüngliche Standort immer mehr von Wasser eingenommen wurde. Mittlerweile ist das alles halb trocken und halb Sumpfland. Wir befinden uns mitten in einem Naturreservat und was bei der letzten Ausgrabung die Caver waren, sind hier die Vogelnarren. Wie gesagt: riesiges Naturreservat in dem man Unmengen an allen möglichen Tieren (unter anderem Otter) – vor allem aber Vögel – beobachten kann. Man begegnet hier niemandem, der kein Fernglas um den Hals hängen hat und alle Gespräche enden irgendwann damit, welche Vögel wann wo gesehen wurden. Ich bin hier für die Funde verantwortlich und dafür, dass alles richtig organisiert, katalogisiert und beschriftet wird (deutsche Gründlichkeit!) und während ich hier sitze und schreibe ist ein Fasan keine 3 Meter von mir entfernt herumstolziert. Ich glaube mein ornithologisches Wissen wird in den nächsten zwei Wochen ebenso aufpoliert wie meine konservatorischen Fähigkeiten. Neben mir liegt ein Buch: „Erste Hilfe für Funde“ und wenn die ersten Funde reinkommen muss ich diese nicht nur waschen, wiegen und verpacken, sondern auch erkennen welches Material es ist, welche Materialschäden vorliegen und wie diese fürs Erste gestoppt werden können. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass man Muscheln und Glas nicht in der Sonne trocknen lassen sollte….

P.S.  Ich hoffe dieses Lebenszeichen ist nicht mein Letztes. Ich habe das wichtigste nämlich vergessen: Wir arbeiten im Schatten eines Atomkraftwerks. Und dieses Atomkraftwerk ist wirklich beängstigend. Es ist riesig und wir wissen genau, dass wir da niemals lebend wegkommen, sollte was passieren. Heute morgen, wir hatten gerade mit Graben begonnen, hören wir grauenerregenden Lärm von dort drüben (später erfuhren wir, dass das wohl Probealarm gewesen war). Ich habe noch nie solche Töne gehört und obwohl es 4km entfernt ist, hörten wir sogar Lautsprecherdurchsagen…. Das ist alles, was ich dazu sagen werde….

14.9.16 22:50


Zurück in die Großstadt

Zehn supervolle, abenteuerliche und mal schönere, mal anstrengendere Tage sind nur so vorbeigeflogen (inklusive Junggesellenabschied) und mittlerweile befinden wir uns wieder im Zug zurück nach London, nachdem wir erfolglos versucht haben uns in Settle zur Feier des Tages preisgekröntes Yorkshire-Eis zu kaufen, aber alle Geschäfte bereits zu hatten. So wurde es nur Yorkshire-Eis, aber eben kein preisgekröntes – auch gut!  

Nachdem ich alle möglichen Arbeiten von ausgraben und probennehmen, über sieben, wiegen, markieren und ins System eintragen bis zu technischen Zeichnungen von den Gräben und auffüllen, etc. hinter mir habe, habe ich jetzt eine sehr gute Vorstellung von Archäologie. Es ist körperlich harte Arbeit – vor allem wenn morgens zuerst einmal 500 Höhenmeter überwunden werden müssen – und völlig egal bei welchem Wetter, das Pensum muss erreicht werden. Da wir während der Ausgrabung alle an die 12 Stunden pro Tag und 7 Tage die Woche arbeiten, haben wir morgen frei, was auch dringend benötigt wird. Weder Körper noch Hirn hatten die Gelegenheit mal so richtig abzuschalten, jetzt muss ich nur noch überlegen, wie ich den Tag nutze.

Ich werde auf jede Fall irgendwann noch ausführlicher über die Ausgrabung berichten müssen, aber im Moment bin ich der absoluten Erschöpfung nahe und werde mich auf das Nötigste beschränken.

1. Ich bin unglaublich traurig die Yorkshire Dales zu verlassen! Die Landschaft raubte mir jeden Tag aufs Neue den Atem und wenn ich oben auf dem Berg vor der Höhle stand, den Wind im Rücken und die Sonne im Gesicht, fühlte ich mich klein und mächtig zugleich. Ich werde die Freiheit vermissen, die diese Umgebung illusioniert – ebenso wie den riesigen roten Mond und den klaren hellen Sternenhimmel. Selbst die täglichen Trips über Kuhweiden hatten ihren Charme, selbst in den beängstigenden Momenten wenn man plötzlich von einer Horde neugieriger und immer schneller werdenden Kühe verfolgt wurde. Als wir heute unser gesamtes Material in mehreren Runden wieder nach unten transportierten, stand ich plötzlich sehr unerwartet einem voll ausgewachsenen Bullen gegenüber – inklusive Nasenring. Ich stellte mich bereits auf einen Sprint zur Mauer ein, aber die 4 Spitzhacken über meiner Schulter flößten ihm offenbar ebenfalls Respekt ein.

2. Das Wetter war absolut verrückt. Die ersten Tage war strahlender Sonnenschein bei über 25 Grad – so lange wie ich am Sieb im Hof stand – sodass ich nun stolze Besitzerin einer stattlichen aber unsexy Bräune in T-Shirtform bin. Pünktlich zu meinem Einsatz in der Höhle am Freitag schlug das Wetter dann um zu Dauerregen. Ich war im Graben im Freien stationiert und gemeinsam mit einer Kollegin gönnte ich mir eine Packung Mülltüten, aus denen wir uns während der nächsten Tage immer ausgefeiltere und modischere Ausrüstungen bastelten. Obwohl der Regen von Freitag bis Sonntag an Intensität zunahm, blieb unser leicht durchweichter Zustand derselbe, was ich hier jetzt mal als Erfolg verzeichne. Gestern wollten wir eigentlich abbauen und die Gräben zuschaufeln, aber als wir morgens aufwachten regnete es so stark, dass ein Verlassen des Zeltes nur unter größter Überwindung möglich war (der Regen prasselte so laut auf die Plane, dass ich meinen Wecker erst nach einer halben Stunde hörte). Es hatte die ganze Nacht durchgeregnet und auf dem Weg zur Höhle sahen wir Bäche, die am Tag zuvor noch nicht da gewesen waren, die Hügel herunter stürzen. Kurz vor unserem Ziel war die Straße so überschwemmt, dass wir nur im Schritttempo weiterkonnten, unter ständiger Angst stecken zu bleiben. In unserer Höhle selbst hatte sich ein gewohntes Rinnsal ebenfalls in einen reißenden Bach verwandelt und unser Team wurde geteilt – ich war glücklicherweise in dem Team das zurück zum Büro fuhr und die Funde wusch, wog und dokumentierte, während die Männer in strömendem Regen auf dem Berg zurückblieben. Heute war es hingegen wieder so sonnig, dass wir alle viel zu warm angezogen waren und uns zu Tode schwitzten.

3. Leider hatte das mit dem Caving aus wetterbedingten Gründen nicht geklappt. Tatsächlich hatten sich die Caver mit Sauerstoffflaschen ausgerüstet auf den Weg gemacht, da alles unter Wasser stand. Für mich war das dann aber doch noch ein Schritt zu viel. Aufgeschoben ist jedoch nicht aufgehoben und da Caving im Winter angeblich sowieso besser ist – wenn auch eisig – haben wir jetzt mal eine lockere Verabredung für November.

4. Da Digventures eine ausgeprägte Onlinepräsenz haben, die für crowdfunding und community archaeology notwendig ist, habe ich mich in den letzten Tagen damit abfinden müssen, plötzlich vermehrt auf Instagramm, Facebook, Twitter und der Website zu erscheinen. Zwar nicht immer in den schmeichelndsten Aufnahmen, aber wenigstens ohne irgendwelche Verlinkungen und das erspart mir auch das Hochladen allzu vieler Fotos hier

5. Zu guter Letzt haben sich noch ein paar Dinge ergeben, die ich mir noch durch den Kopf gehen lassen muss, allerdings wohl dazu führen, dass ich London sehr bald schon wieder verlassen werde. Aber ich halte euch auf dem Laufenden sobald genaueres feststeht.

Bis dahin erst einmal: Ciao!

23.8.16 22:20


Sieben mal Sieben ist feiner Sand

Hallihallo,

seit Dienstag morgen habe ich offiziell die Macht über den flotation tank und das wet-sieving – oder auch das nasse Sieben, wie es übersetzt heißen würde. Die letzten 3 Tage habe ich also damit verbracht Bodenproben zu sieben und mich langsam aber sicher an einen verschlammten Gesamtzustand zu gewöhnen. Morgen muss ich nochmal ran, dann darf ich wieder hoch auf den Berg zur eigentlichen Ausgrabung – genau pünktlich zum Wetterumschwung von sonnig zu regnerisch.

Was ich tue ist folgendes: Ich habe Säcke voller Dreck – nennen wir das Kind beim Namen – und einen Apparat in dem ein grobes Sieb gespannt ist. Der Apparat ist voller Wasser und aus einer Seite läuft Wasser durch ein sehr engmaschiges  Sieb in eine Kiste, von der aus mithilfe einer Pumpe das Wasser wieder in den Apparat gepumpt wird. Ich schütte Dreck in das Wasser im Apparat und zerpflücke mit den Händen Klumpen, drücke sie durch das Netz, sodass nur Steine, Muscheln, Knochen, etc. im Netz zurückbleiben. Gleichzeitig werden Pollen, Pflanzenfaser, Kohle und andere leichte Dinge, die an der Oberfläche schwimmen, im engen Sieb gefangen. Während ich die Erdklumpen durchs Sieb drücke, gehe ich die Restbestände durch und suche nach Knochen, Tonscherben und sonstigen interessanten Dingen. Bisher habe ich einige Zähne und sehr sehr viele Knochenstücke gefunden. Auch Fischwirbelsäulen und eine Scherbe – außerdem viel Kohle, verbrannte Knochen, etc. Nach jedem Sack muss ich Sieb und Netz säubern, sowie die Funde, die schwimmenden Überreste und die Überreste im Netz trocknen lassen und in Tüten füllen. Nach etwa jedem zweiten Sacke muss ich den Schlamm, der sich am Boden gesammelt hat mir einer Kindersandschaufel aus dem Apparat herausschaufeln. Ganz zu Anfang war es super interessant, weil ich lernte all die vielen verschiedenen Dinge zu erkennen (ähnlich wie Kartoffeln sortiere), dann wurde es nervig, da ich ein paar Säcke mit solch feinem und leichten Sand hatte, dass permanent mein Sieb verstopft war. Außerdem musste ich immer jedes Mal mit den schweren vollen schlammigen Eimern auf die andere Straßenseite über einen Parkplatz latschen, damit bloß kein Schlamm in den hauseigenen Abfluss gerät. Und wenn man es schafft den ganzen Tag – Arme abgesehen – einigermaßen schlammfrei zu bleiben, plumpst beim letzten Säubern des Tages ein großer Klumpen Matsch zurück ins Wasser, und ich bin von oben bis unten nass und dreckig. Diese Emotion hat sich aber auch wieder gegeben und mitterweile genieße ich es ehrlich gesagt. Ich hab den Trick raus, mein Sieb verstopft nicht mehr, und wenn ich den Kopf und meinen Blick vom Wasser hebe, sehe ich direkt auf atemberaubende Berglandschaft.

Meine Basis ist im Hinterhof vor der Garage von YSS, der Yorkshire Subterranean Society. Das ist eine Gruppe von sogenannten „cavern“ – in Ermangelung eines besseren Wortes muss ich wohl „Höhlenforscher“ sagen. Mir wurde gesagt, sie seien die Hells Angels der outdoor-community. Ich habe davon echt noch nie was gehört, aber diese Leute erforschen tatsächlich Höhlen als Hobby. Einfach, wenn man umringt ist von Höhlen. Ausgerüstet mit Lampen, wasserfesten Overalls, Seilen und Karabinern, wagen sie sich in Höhlen hinein – niemals allein – und quetschen sich durch die engsten Gänge. Sie sind auch ganz schön neugierig was ich da so mache mit meinem Sieb, und heute hatte ich Besuch von Alan, den ich im Gegenzug dann ebenfalls ausquetschte. Alan ist 70 und noch immer aktiver Caver. Er hat außerdem eine Lizenz zum Sprengen. Letztens hat er einen Gang entdeckt, in den er nur rein kam in dem er einen Handstand machte. Gemeinsam mit anderen Cavern ist er seit drei Jahren dabei jeden Montag eine Höhle zu erkunden und zu erweitern. Sie haben die Höhle gefunden, aber sie war voller Ablagerungen, weswegen sie die Ablagerungen Eimer für Eimer raus transportieren. Dann haben sie einen Tunnel gefunden, der nach unten führt – ebenfalls voll mit Kram, den haben sie auch ausgeräumt und etwas weiter gesprengt, und schließlich eine neue Kammer gefunden. Und so weiter. Ich glaube mittlerweile, entweder Caven bringt einen um oder hält einen jung. Sie haben auch ein Notfallsystem: Jeder Cavingtrupp muss irgendjemanden über ihren Tagesplan aufklären und wer nicht rechtzeitig wieder zurück ist, bekommt einen Rettungstrupp nachgeschickt. Oft bleiben die Caver stecken und kommen nur mit Hilfe wieder raus. Auch Alan ist bereits mehrere Male steckengeblieben. Nach dem Wochenende kann ich mir selbst ein Bild dieses seltsamen Hobbies machen: Alan nimmt mich mit in eine „Anfängerhöhle“.

Hugh gehört zum Digventure Team und kümmert sich hauptsächlich um die 3D-Modelle. Er ist ebenfalls bei YSS stationiert und wenn wir gemeinsam Mittagspause machen, lehrt er mich Yorkshire Dialekt (Ee by gum) und legt mir britische Köstlichkeiten nahe. Auf meiner must-eat-list stehen zusätzlich zu denen von letzter Woche Hobblynob, Branston pickle chutney, olive tapenade, custard, ginger nuts, etc.

Nach dem Sieben heute bin ich außerplanmäßig den Berg zu unseren Gräben hochgekraxelt, da heute Adam, der Drohnenmensch zu Besuch war. Er brachte seine Drohne mit und filmte die gesamte Gegend von oben um ein 3D-Modell zu erstellen. Außerdem machte er Fotos von den Gräben und der Höhle (ebenfalls für 3D). Ich durfte für kurze Zeit ein bisschen graben und stolperte prompt über ein Hasenskelett.

Zurück zum Camp fuhr ich in Adams Landrover und er klärte mich über mittelalterliche Farmtechniken – Rückstände davon sieht man noch immer auf den Hügeln (lynchits & ridge and furrow) auf und erzählte mir von seiner Arbeit. Er ist halb Archäologe und halb Fotograf und reist um die Welt um 3D-Modelle von allen möglichen archäologischen Ausgrabungen. Von England über Spanien zu den Osterinseln… Neid!

Und es ist auch mal wieder viel zu spät! Ich entschuldige mich für diesen wirren Eintrag, aber ich komme nicht hinterher. Zu viele Eindrücke, zu viele interessante Persönlichkeiten, zu wenig Zeit am Laptop. Gute Nacht!

18.8.16 23:37


Archäologie im Felde - Tag 1

Ein herzliches Hallo aus den atemberaubenden Yorkshire Dales. Worte können nicht beschreiben, was sich mir hier seit zwei Tagen an Naturschauspiel bietet. In Ermanglung einer besseren Beschreibung nenne ich es jetzt einfach mal: Paradies.

Schon als wir Sonntag Abend in Settle ankamen und durch den wunderschönen idyllischen Ort – der direkt aus einer Inspektor Barnaby Folge zu kommen scheint – fuhren, nur um an unzähligen saftig grünen  Wiesen, Steinmauern, Schafen und Kühen vorbei unseren Campingplatz zu erreichen, dachte ich mir schon: Egal wie schlimm, langweilig oder anstrengend diese Ausgrabung wird, die Umgebung ist es definitiv wert.

Nach Zeltaufbauen, kurzem Briefing, Pizza und Olympia ging es dann auch schon ins Bett und das war auch gut so, denn der nächste Tag hatte glaube ich ungefähr 50 Stunden. Wie immer beim Zelten wurde ich bereits viel zu früh wach – jegliches Bedürfnis nach Schlaf dahingeschwunden. Um kurz nach 6 saß ich bereits vorm Zelt und beobachtete, wie Hasen über den noch schlafenden Campingplatz hoppeln, während es um uns herum immer heller wird. Die Sonne ging über den Bergen hinter mir auf und wärmte mir den Rücken. Die wenigen Wolken am Himmel malten riesige Schatten auf die Hügel und Täler ringsum. Es war wirklich unbeschreibbar.

Abfahr war um 8 – kurzer Stop in Settle, wo wir uns mit Lebensmitteln eindeckten. In Settle ist jedes Jahr im August das Blumentopffestival. Überall kreieren die Bewohner Gebilde aus Blumentöpfen, die Varietät reicht von klitzekleinen zu riesigen und einem zu zehn Töpfen, und von Minions, über Drachen, Lebkuchenmänner, Ehepaar und Bergsteiger ist alles vertreten. Manche sind richtig gut versteckt und es grenzt an Glück sie zu finden, wie zum Beispiel eben jener Bergsteiger, der hoch über dem Dorf an einer Steilwand hängt.

 

 

 

 

 

Mit dem Auto ging es dann über enge Straße an endlosen Weideflächen entlang immer weiter in die Pampa, bis wir schließlich nicht mehr weiterfahren konnten. Die Landrover wurden ausgeladen, alles auf die nächste Weide gelegt, jeder nahm was er tragen konnte und los ging’s. Wenn ich schreibe „alles“, so meine ich damit: 2 Schubkarren, 8 Schaufeln, ein tragbares Klo, ein Klozelt, 4 lange Eisenstangen, 16 Eisenstangen für den Zaun, der Zaun, der ErsteHilfeKasten, der Werkzeugkoffer, Helme, unsere Rucksäcke, Wasser, und und und…

 

 

Das wäre ja nicht so schlimm gewesen, wenn wir unsere Last nicht über zwei Kuhweiden, einen Minifluss, zwei Gatter, und schließlich 450 sehr steile Höhenmeter quer über Wiese, Felsbrocken und Kuhpfade hätten nach oben zur Höhle schleppen müssen. Trotz allem war es eine süße Qual. Was am Abend davor bereits das Herz aufgehen ließ, war hier mehr als verdoppelt. Wir waren umringt von rauer, wunderschöner Natur und als wir nass geschwitzt oben ankamen, hatte sich der Aufstieg ohne Frage gelohnt. Unter sonnigem Himmel konnten wir meilenweit sehen. Unter uns ausgebreitet lagen grüne Täler, die in ebenso grüne Hügel und Berge übergingen. Weidewiesen so weit das Auge reichte – keine Zivilisation – nur unterbrochen von Steinmauern, und gesprenkelt mit kleinen weißen schafförmigen Punkten. Um uns grasten friedliche Highlandkühe, die neugierig zu uns herüber schauten. Mitunter für diese war auch der orangene Zaun, denn wenn so eine Kuh in den Ausgrabungsgraben latscht… nicht so gut.

Eine Weile saßen wir vor der Höhle und genossen den Ausblick. Stein- und Bronzezeitmenschen konnten von hier oben ihre gesamte Welt überblicken. Weiter als über die Berge am Horizont sind die meisten von ihren vermutlich niemals gekommen.

Diese Augenblicke absoluten Friedens wurden nur allzu schnell von einem erneuten Ab- und Aufstieg wieder unterbrochen. Insgesamt liefen wir drei Mal, bis wir alles Nötige oben hatten. Zum Glück bleibt alles bis zum Ende der Ausgrabung in der Höhle, ansonsten wäre allgemeine Meuterei wohl die Folge.

Nach einer kurzen Kletterei auf die Höhle und einer noch besseren Aussicht machten wir uns schließlich an die Arbeit. Zuerst wurden die Gräben abgesteckt. Wir haben die Erlaubnis für einen Graben mit den Maßen 2*7 Meter im Höhleneingang und einen mit 2*2 ein Stück weiter davor, wo sie ein Rundhaus und eine Mauer vermuten. Der nächste Schritt war dann erstmal Gartenarbeit. Wir mussten den gesamten Bereich von Brennnesseln und Disteln säubern, was ein paar Stunden dauerte. Danach ging es los mit der Entfernung der obersten Grasschicht, die wir fein säuberlich neben dem Graben stapeln und am Ende der Ausgrabung wieder zusammenpuzzeln müssen. Das war gar nicht so einfach, da sehr viele Felsbrocken im abgesteckten Graben liegen und die Grasstücke nicht so einfach ausgestochen werden können. Dank meines Militäroveralls habe ich nun auch den Spitznamen Onesie… Ich schätze es gibt schlimmeres.  

Mittagessen gab es dann auf Felsblöcken mit Talblick und ich wurde in die weitreichenden Dimensionen der britischen Essenswelt eingeweiht. Ich bin mir ziemlich sicher, die Briten sind das Vorbild für die Hobbits. Ein Tag sieht folgende Zeiten für Mahlzeiten vor:

Breakfast – Brunch – Elevensies – Lunch – Tea – Dinner – Supper. Dazwischen wird dann auch immer wieder gesnackt. Normalerweise gibt es nach dem Tee allerdings kein Dinner. Deswegen sind beim Tee auch Sandwiches dabei. So viele Rätsel haben sich an diesem Nachmittag gelöst. Des weiteren habe ich malt loaf probiert, eine Art Brotkuchen seltsamer Konsistenz mit Rosinen, das mit den Worten: „Squeeze me. Come on, don’t be shy. There. Feel that? That’s squidgy power that is. Delociously chewy fruitiness bursting with energy to help keep you fuelled up and ready for action…“. Mein neuster Pausensnack

Heute wurde mein geschmacklicher Horizont außerdem durch Haferkekse von den Orkney Inseln, Ginger nuts and pickle chutney erweitert. Wer auch immer sagt die englische Küche habe nichts zu bieten, hat keine Ahnung!! Echt nicht!

Den Abend verbrachten wir damit eine Bronzezeitaxt zu gießen. Einer der Archäologen macht eigentlich experimentelle Archäologie und war ein paar Tage für einen Lehrgang in Schottland. Er hatte also noch einen Bronzezeit-Schmelzofen im Auto und ein paar selbstgegossene Bronzeblöcke. Mit Hilfe von ein paar Hirschhautblasebälgen brachten wir den Ofen ganz schnell auf 2000 Grad und gossen dann mal eben einen Axtkopf… So geht’s!

Heute wurde ich in die geheime Welt des „Nasssiebens“ eingeweiht und habe bereits Zähne, Knochen und Fossile gefunden, aber morgen kann ich wieder hoch auf den Berg. Dann hoffentlich auch wieder mehr. So ne Ausgrabung ist anstrengend! Bettzeit

 

 

 

 

 

 

16.8.16 23:25


Yorkshire Ahoi!

Hallo ihr Lieben. Die Zeit rast wie verrückt, ein Tag geht in den Nächsten über und ich merke gar nicht, wie sie sich hinter mir anhäufen. Ab Montag bin ich schon zwei Wochen in England – einerseits kommt es mir vor als seien es erst drei Tage, andererseits fühlt es sich schon völlig normal an.

Allerdings hat auch diese Normalität bereits bald wieder ein Ende, denn morgen Nachmittag geht es auf in den Norden nach Yorkshire in den Yorkshire Dales Nationalpark und dort zur Ben Scar Höhle. Mehr Infos gibt es hier (Schleichwerbung): http://digventures.com/under-the-uplands/

Wir campen dort für 12 Tage, mein Rucksack ist schon gepackt und ich kann es ehrlich gesagt kaum erwarten endlich auch mal wirklich was zu TUN. Besonders nach meinem zweiten Fachartikel zu Altersbestimmung in Höhlen, kann ich es kaum erwarten meinen flotation tank zum Laufen zu kriegen.

Aber genug der ungeduldigen Vorfreude, bleiben wir erstmal bei London. Leider habe ich momentan keine peinlichen Geschichten auf Lager. Zwar habe ich seit letzten Freitag noch einiges erlebt, blamiert habe ich mich aber nicht mehr.

Allerdings habe ich mich eventuell des unbefugten Betretens schuldig gemacht – wenn auch unbewusst. Samstag ging ich zum Friedhof in Highgate, weil ich die Katakomben auskundschaften wollte. Leider erfuhr ich zu spät, dass man um den Friedhof zu betreten Eintritt zahlen muss, und das war mir dann doch zu blöd. Stattdessen beschloss ich vom Friedhof aus nach Westen zu Hampstead Heath zu gehen, dem wohl größten Park Londons, mit über 3km² Fläche. Ich lief in die grobe Richtung los und stand plötzlich vor einer Straße mit einem großen Zaun. An der Seite war allerdings ein kleines Tor offen, also ging ich dort hindurch, zumal die Straße auf der anderen Seite völlig normal weiterging. Nach ein paar Metern bemerkte ich allerdings, dass die Häuser immer luxuriöser und teurer wurden, die Straße breiter, die Menschen besser angezogen. Ich hatte nicht mehr das Gefühl in London zu sein, eher in Hollywood. Nach etwa 20 Minuten, weiteren Straßen und weiteren Häusern stand ich plötzlich wieder vor einem solchen Tor wie das, durch das ich diese seltsame Gegend betreten hatte. Nur war dieses Tor zu. Während ich noch sämtliche Optionen durchging – von übern Zaun klettern bis zu zurückgehen und hoffen dass das andere Tor noch offen ist – kam glücklicherweise ein Mann von der anderen Seite und ich witschte an ihm vorbei durchs geöffnete Tor. Ich habe wirklich keine Ahnung, wo ich dort gelandet war, aber blamiert habe ich mich soweit nicht.

Hampstead Heath ist atemberaubend. Nach ein paar Metern vergisst man völlig, dass man sich eigentlich in einer Großstadt befindet. Der Park besteht aus Wiesen, Hügeln (von denen man einen super Blick auf London hat), und sogar kleinen Wäldern, in denen man sich verlaufen kann, wenn man nicht aufpasst – ich spreche aus Erfahrung. Schafft man es über Hügel, durch Wälder und über Seen, so erreicht man im Norden des Parks Kenwood House: Ein ehemaliges Herrenhaus, das heute eine beeindruckende Gemäldesammlung ausstellt, und der Eintritt ist natürlich frei.

An dem Tag machte ich außerdem eine weitere Feststellung zu London: Was man sucht findet man erst, wenn man aufhört danach zu suchen. In meinem Fall war es irgendetwas, dass einem Baumarkt ähnelt, denn für die Ausgrabung brauchte ich noch Arbeitsschuhe – am besten mit Stahlkappen. Ich fragte meine Mitbewohner, meine Kollegen und Google. Niemand konnte mir sagen, wo ich etwas Derartiges in der Nähe finde. Auf meinem Weg zum Friedhof allerdings schaute ich irgendwann nach links und stand vor einem hardware store. Keine 10 Minuten später hatte ich die benötigten Schuhe. Ebenso war es mir ein paar Tage zuvor mir einem Simkartengeschäft ergangen.

Eine andere Sache ist der Verkehr. Ich habe ja von Grund auf ein Problem mit rechts und links, trotzdem war ich in Deutschland gewohnheitsbedingt in der Lage bei der Straßenüberquerung auf der jeweils richtigen Seite nach kommenden Autos Ausschau zu halten. In England bin ich leider aufgeschmissen. Es bringt mir überhaupt nichts zu wissen, dass es theoretisch „rechts-links-rechts“ ist, da ich ja nie wirklich weiß, auf welche Seite sich das jetzt bezieht. Für eine Weile funktionierte es ganz gut damit, dass ich immer auf die Seite guckte, zu der ich instinktiv NICHT geschaut hätte. Mittlerweile ist mein Instinkt jedoch so erschüttert, dass diese Methode auch nicht mehr wirkt – und der Verkehr ist an manchen Stellen nicht ohne. Das bringt mich zu einem weiteren Punkt: Ampeln! Ich weiß nicht, wie die Briten das machen. Vielleicht ist es ihre angeborene Geduld, die sie auch das Schlangestehen so klaglos über sich ergehen lässt, aber die Ampeln hier machen mich noch wahnsinnig. An jeder Ampel muss man drücken. Nach diesem Drücken dauert es eine halbe Ewigkeit bis die Ampel grün wird. Manchmal haben Auto und Fußgänger für eine sehr lange Zeit (bis zu einer Minute) gleichzeitig rot – aber man läuft ja natürlich trotzdem nicht bei Rot über die Ampel, wenn direkt daneben ein Auto in den Startlöchern steht und man nicht weiß, wer zuerst Grün kriegt. Zu allem Überfluss sind die meisten Straßen in zwei geteilt, mit einer kleinen Insel in der Mitte. Jede Straßenseite hat ihre eigene Fußgängerampel und man kann nicht einfach so über die Insel. Nein! Die Insel ist meistens eingezäunt: Man betritt sie auf der linken Seite, geht ein Stück nach rechts und kann dort dann über die zweite Straßenseite drüber. Wenn nicht die Ampeln wären. Von denen ist nämlich grundsätzlich immer eine Rot. Nichts da mit schnell mal über die Straße gehen! Vielleicht ist das aber auch eine gerissene Taktik der britischen Regierung: Die Entschleunigung der Bevölkerung mit dem Resultat der weitverbreiteten Entspannung…

Apropo Schlange stehen: Mein jüngster Besuch im Lidl hat mich doch etwas erstaunt und mit Respekt erfüllt. Die Schlange ging von der Kasse an drei Wänden des Ladens entlang bis zum Eingang. Bestimmt 50 Menschen, wenn nicht sogar noch mehr. Alle waren völlig geduldig und ergaben sich ihrem Schicksal. Auch ich lernte schnell: Man holt sich aus der Mitte was man braucht, stellt sich hinten an und packt den Rest von den Seiten ein, während die Schlange langsam aber sicher vorrückt – nur blöd, wenn man etwas aus der Mitte vergessen hat. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass das in Deutschland möglich wäre. Da wird doch schon bei einer Schlange von fünf Menschen nach einer neuen Kasse verlangt. Hier waren trotzdem nur 4 von 9 Kassen geöffnet.

So gut das aber auch alles funktioniert, einen Nachteil hat es: In Deutschland und Dänemark nahm ich nie nen Wagen oder Korb (Wägen gibt’s hier auch gar nicht – Großeinkauf ist hier wohl nicht üblich), sondern machte immer gleich alles in meine Tasche, damit ich nicht in Versuchung kam mehr mitzunehmen als ich tragen konnte. Hier gibt es aber ja kein Kassenband und somit ist keine Zeit die Tasche auszuräumen. Stattdessen werde ich an die Kasse gerufen und komme dann ganz schön ins Schwitzen, da ich meine Tasche ausräumen muss, während bereits kassiert wird, womit ich nicht mehr schnell genug auf der anderen Seite zum einpacken bin. Bisher haben mir die Kassierer immer netterweise unter die Arme gegriffen. Alle Käufer nehmen sich am Eingang einen Korb. Super klug. Nur ich hab das bisher noch nicht auf die Reihe gekriegt… mir fällt das immer erst ein, wenn ich schon längst in der Schlange stehe.

 

Das wars jetzt auch schon fast an Neuigkeiten, nur noch Eines: Die U-Bahn wird mir immer suspekter. Vor ein paar Tagen habe ich zwei sehr gute Dokumentationen über die damaligen Arbeitsbedingungen beim Bau der Tunnel gesehen – inklusive Unfälle, Tragödien und umgelagerter Friedhöfe, Katakomben und Krypten. Außerdem über all die Geister, die angeblich dort unten umgehen. Und als ich am Wochenende abends nach Hause fuhr, fuhr ein herrenloser Koffer mit.

 

13.8.16 23:00


Erste Arbeitserfahrungen...

Hallo ihr Lieben,

 

Kaum zu glauben dass es bereits Freitag ist.
So entspannt die Woche auch begonnen hat, spätestens gestern war es vorbei mit dem Urlaub und ich wurde schneller ein Mitglied der arbeitenden Gesellschaft, als ich gucken konnte.
Aber ich beginne von vorne: Erinnert ihr euch noch daran, dass ich mich Mittwochmorgen vor einer unprofessionellen Verspätung gefürchtet hatte? Pah!

Stattdessen wurde ich Opfer übermotivierten Zufrühkommens. Zwar war klar, dass ich Mittwoch ins Büro kommen sollte, allerdings stellte ich zu spät fest, dass mir keine Uhrzeit vermittelt worden war. Dank meiner kleinen Entdeckungstour vom Vortag hatte ich mich nicht verlaufen und stand, meinen kürzlich erworbenen südeuropäischen Einfluss vergessen, meinem Kulturerbe treu pünktlich um 8 Uhr vorm Gebäude. Da blieb ich dann auch erst mal stehen, da an den Klingelschildern nur mir unbekannte Namen standen und außer mir offensichtlich niemand gedachte durch die Tür zu gehen und was zu arbeiten. Ohne große Hoffnung schrieb ich eine Email und wartete. Nach etwa einer halben Stunde näherte sich der erste Arbeitende Mensch und ich witschte hinter ihm her ins Gebäude. Die nächste Hürde war das Stockwerk. Laut meiner Information musste ich in den vierten Stock. Wenn jedoch weder Aufzug noch Stockwerkbezeichnungen vorhanden sind, woher weiß man ob nach der ersten halben Treppe schon der erste Stock oder noch das Erdgeschoß kommt? Im Angesicht dieses unlösbaren Rätsels, das durch erneute unbekannte Namen an den Türen nur erschwert wurde, setzte ich mich auf die Treppe zwischen dem 3./4. Und 4./5. Stock und ließ die verwunderten Blicke der langsam eintrudelnden arbeitenden Bevölkerung tapfer über mich ergehen.

Es war schließlich kurz vor 10 als eine Frau die Treppe hochkam, die ich kannte. Innerhalb weniger Minuten war ich um ein ganzes Stück klüger: In England arbeitet man für gewöhnlich von 9-17 Uhr (bescheuerte Zeit, meiner Meinung nach). Auch ich werde in Zukunft von 9-17 Uhr arbeiten (Das sie selbst viel zu spät gekommen war, kehren wir mal gutmütig unter den Teppich). Da es ein Start-up Unternehmen ist, sind wir nur Montag und Mittwoch im Büro, die übrigen Tage kann ich arbeiten von wo aus ich möchte (Zuhause, Bibliothek, etc.). Aus demselben Grund haben wir ein Büro, das wir uns mit zig anderen Start-up Unternehmen teilen (darum auch nur fremde Namen am Klingelschild). Normalerweise sind wir nur zu dritt oder viert im Büro und gegen 9:30 (kein Kommentar!) gibt es dann eine Skypekonferenz, in der Aufgaben neu verteilt werden und über Fortschritte berichtet wird.

Das Büro ist zugegebenermaßen beeindruckend. Relativ weit oben gelegen, ist es an drei Seiten von Fenstern umgeben, von denen aus man einen guten Blick über die Stadt hat. Paletten dienen als Abtrennung zwischen einer gut eingerichteten Küche und unzähligen chaotisch eng aneinander stehenden Schreibtischen. Leider waren alle Schreibtische besetzt, da irgendjemand einen Fehler im Belegungsplan gemacht hatte, und wir mussten uns in die Couchecke verziehen. Für den Rest des Tages zog ich alle paar Minuten meine Beine ran, damit irgendjemand Neues an mir vorbeikam… andere Leute zahlen fürs Fitnessstudio.

Der Tag verlief noch recht zäh, da meine zwei richtigen Chefs nicht da waren und der vorhandene Unterchef scheinbar noch nicht so genau wusste, was genau ich zu tun habe.

Das Ziel des Unternehmens ist es, Archäologie an den Laien zu bringen und das funktioniert so. Sie machen Ausgrabungen, die durch crowdfunding finanziert werden. Die für die Ausgrabung benötigte Summe wird veröffentlicht und dann kann jeder, der möchte einen Betrag spenden. Je nach Höhe des Betrages bekommt man dann verschiedene Vorteile – auf jeden Fall aber virtuellen Zugriff auf alle Funde, sowie die Möglichkeit für mindestens einen Tag an der Ausgrabung teilzunehmen. Offenbar spenden sogar viele Menschen, die völlig mit dem virtuellen Zugriff zufrieden sind. Ich glaube irgendwie nicht, dass das in Deutschland funktionieren würde. Das System selbst finde ich ein bisschen problematisch, aber vielleicht ändert sich meine Sicht der Dinge auch noch. Dazu irgendwann mal mehr, jetzt fällt das aus dem Rahmen.

Die Website selbst ist voller Blogs, Fotos und Posts zu den jeweiligen Ausgrabungen, 3D-Abbildungen der Funde werden hochgeladen, gemeinsam mit Beschreibungen und Interpretationen. Community archaeology eben. Und da komme dann ich ins Spiel, da ich nämlich unter anderem ebenfalls Blogeinträge verfassen muss. Mein erster Auftrag war eine spielerische Vorstellung von mir selbst. HA! Ich werde hier nicht erwähnen, wie viele Stunden ich dafür gebraucht habe!

Danach musste ich mich in die zwei kommenden Ausgrabungsprojekte einlesen, an denen ich teilnehmen werde.  Außerdem bekam ich einen schnellen theoretischen Crashkurs in Photogrammetrie – Erstellung von 3D Abbildungen.

Mein erster Arbeitstag neigte sich dem Ende zu und ich erhielt einen weiteren Auftrag, der mich in den folgenden Tagen an den Rand der Verzweiflung bringen sollte. Ich will hier nochmal klarstellen: Ich bin kein Archäologe und habe von Archäologie soviel Ahnung wie Steinzeitmenschen von Raumfahrt – trotzdem sollte ich jetzt einen Blog über die Entstehung von Höhlen und Höhlenablagerungen schreiben (die nächste Ausgrabung führt uns nämlich in eine Kalksteinhöhle in Yorkshire). Ich bekam ein paar wissenschaftliche geoarchäologische Texte, sowie die Anweisung das Ganze nicht zu wissenschaftlich zu schreiben, sondern gut verständlich für Laien zu schreiben. Theoretisch also für Menschen wie mich selbst.
Nur um das nochmal klar zu machen. Ich las mich während der letzten drei Tage in ein mir völlig unbekanntes wissenschaftliches Feld ein, nur um das dann wiederum in einen allgemein verständlichen Blog zu übersetzen. Ich hätte mal besser bei der Sendung mit der Maus nachgeguckt – aber das fällt mir jetzt erst ein.
Ich war mir zwischenzeitlich wirklich nicht sicher, ob ich das hinkriege. Die Texte strotzten nur so vor Fachausdrücken – natürlich auf English – die, wenn ich sie übersetzte, zu gleich aussehenden, ebenso fremden deutschen Fachausdrücken wurden. Oftmals konnte ich mir den Sinn nicht durch den Kontext herleiten und suchte nach Definitionen. Die Begriffe wurde aber wiederum durch andere mir völlig fremde Worte erklärt, die ich wiederum nachsehen musste, bis ich mich in einer endlosen Fachbegriffspirale verlor. Nach dem ich dann endlich wusste was ein Karst ist, hatte ich schon wieder vergessen was jetzt genau solifluktion bedeutete oder was passiert wenn calcit von permeating water precipitates. Wenigstens kann ich jetzt Stalaktiten und Stalagmiten auseinanderhalten.
Mein Text ist fertig und ich glaube ich bin auf dem besten Weg zum Höhlenspezialist!

Gestern und heute arbeitete ich von zuhause aus und stellte nach zwei Skypekonferenzen recht schnell fest, dass ich wirklich sehr selbstorganisiert arbeiten muss. Ich besitze jetzt ein unübersichtliches Sammelsurium an Zugangsdaten zu allen möglichen Portalen und Foren, sowie eine super professionelle Emailadresse. Zusätzlich zu meinem Selbststudium der Höhlenformation bekam ich außerdem noch fünf zusätzliche Aufträge, die ich irgendwann irgendwie machen musste. Im Laufe der nächsten Woche muss ich außerdem Funde beschreiben. Das wird auch noch lustig, kann ich doch eine Fibel ohne Nadel nicht von einer Münze unterscheiden, geschweige denn ein Nashornhorn von einem Babyelefantenzahn. Offensichtlich besteht aber Vertrauen in meine Fähigkeiten – ich habe mich ehrlich gesagt ja auch schon selbst überrascht.

Last but not least: Ich bin jetzt auch schlauer was meine längerfristigen Aufgaben sein werden. In Yorkshire werde ich die Aufsicht über den „flotation tank“ haben. Einen Apparat, der die Höhlenproben reinigt und aus den unterschiedlichen Schichten Information extrahiert. Ich bin gespannt! Des Weiteren werde ich gemeinsam mit dem hauseigenen Höhlenarchäologen den Abschlussbericht über das Höhlenprojekt schreiben. Nicht unbedingt wenig Verantwortung.

Ich glaube das war’s jetzt auch tatsächlich erst mal – ich habe vergessen zu erwähnen, dass die Arbeit bisher definitiv Spaß macht – ich erleuchte euch zum Abschied mal noch mit zwei Einkaufsanekdötchen:
1. Heute habe ich im Lidl gescheites Brot gefunden. Die Absurdität der Beschriftung möchte ich euch aber keinesfalls vorenthalten. Es handelt sich dabei um das dunkle dünnscheibige dänische Roggenbrot mit Körnern, an das ich mittlerweile so gewöhnt bin. Auf dem Schild steht „Real German Rye Bread“ – echtes deutsches Roggenbrot – während auf der Packung steht „Maître Jean-Pierre Rye Bread“….
2. Einkaufen in England ist insofern schlauer organisiert, als dass es zwar bis zu neun Kassen gibt, jedoch nur eine Schlange. Diese Schlange schlängelt sich dann zwar unter Umständen ziemlich weit ins Geschäft hinein, aber wenn eine neue Kasse aufgemacht wird, stürzt niemand vor, drängelt oder beschwert sich. Alle bleiben brav stehen und warten bis die nächste Kasse frei wird. Es gibt auch kein Band, sondern nur eine kleine Ablage. Und wenn er gut gelaunt ist – so wie meiner heute – hilft der Kassierer sogar beim ein- und auspacken.

5.8.16 22:56


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